20110806

MARKIERUNG (Please be kind)

Berlin, 1. September 2009, 6:41 CET (Central European Time)

Ein morgendlicher Lichtstrahl drang wie damals durch die Zeltgestänge von Yarramundi ins Zimmer und beleuchtete Annies Körper. Die Stoffbahnen der gelben Vorhänge spielten mit dem Wind und die Lichtpunkte, die der Staub aufwirbelte, tanzten auf ihrer Haut. Er staunte, wie vertraut ihm dieser Körper schon war, die schlanken Beine, die kleine Grube im rechten Knie, das sie an das linke angelehnt hatte, die Hüften, die breit entspannt auf dem Laken lagen, der Nabel, der als ein dünner Strich in den flachen Bauch geritzt war, das winzige Muttermal, wie zwischen ihre Brüste getippt. Tomasz berührte mit seinem Mittelfinger vorsichtig einen der weißen Streifen rings um ihre Hüften und zog dessen Form nach, die Biegung, die ihn an einen Notenschlüssel erinnerte.

Lord, I feel you made the hills
Watch them roll

„I am your Lord.“ Nie zuvor hatte er so zu einer Frau gesprochen. Wie erschrocken sie gewesen war, als er zum ersten Mal die Schwangerschaftsstreifen mit seinen Händen erkundet hatte. Da war ihm klar geworden, was er vorher nur geahnt hatte: dass Annies Körper in gewisser Weise jungfräulich war, ein Körper, den sie noch keinen, Millimeter für Millimeter, hatte berühren lassen, nicht einmal jenen Mann, mit dem sie gezeugt hatte. Es waren in und auf diesem Körper weiße Flecken zu entdecken, selbst ihrer Ureinwohnerin noch fremd. Tomasz war vorgedrungen in diese Wildnis wie ein Eroberer, ungestüm, alles grob aus dem Weg räumend, was seinen Ansturm behinderte. Aber später hatte er begonnen, sich in den Spuren der Schneisen, die er geschlagen hatte, zurückzubewegen, Schritt für Schritt und dieses unbekannte Land zu ertasten, zu erhören, zu erschmecken. Das hatte sie mehr geängstigt als sein Überfall: diese neue Gier, sie zu erkennen. Er hatte ihr gesagt: „I want to map your body out, inch by inch.“ Sie hatte die Luft angehalten, ganz fest war der Bauch unter seiner Hand geworden, er hatte sich schwerer gemacht, sich schließlich mit seinem ganzen Gewicht auf sie gestützt, bis sie Luft holen musste, ihre Bauchdecke sich hob. Seine Hand hatte diese Bewegung wie eine Welle aufgegriffen und war darauf geglitten, unter ihre Achsel, an ihre Kehle, hatte zugedrückt, gekniffen, gestreichelt, seine Lippen waren der Hand gefolgt, überall hin, auch seine Zunge. Es ging nicht, sie verstand das sofort, um Erregung, es ging um Preisgabe. Er wollte, dass sie sich ihm öffnete, lernte sich zu entspannen, weiterzuatmen, sich seinen Händen, seinen Lippen, seiner Zunge auszuliefern. Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er sagte: „Look into my eyes.“ Und sie wurde rot vor Scham, weil sie sich so sehr danach sehnte, von ihm entdeckt zu werden und weil er das sehen konnte.

I´ve seen the promised land
And that is all.

Wie zweidimensionale weiße Maden lagen die Streifen auf ihren Hüften, derentwegen sie so verlegen gewesen war. Tomasz begriff, während sein Finger einen nach dem anderen dieser Streifen nachfuhr,  dass es gerade auch diese unschönen Streifen waren, die ihn an sie banden. Es berührte ihn etwas an dieser unscheinbaren Entstellung: dass sie besessen worden war auf eine Weise, auf die er sie nie besitzen würde. Sie markierten die unstillbare Sehnsucht, die schließlich alle Gier, mit der er sich auf sie warf, in verzweifelte Zärtlichkeit wandelte.

Please be kind
Please be kind

Es war der letzte Tag im Sommercamp von Yarramundi gewesen, an dem er den Vogel tötete. Als seine Eltern aus dem Wagen stiegen, schrien die Jungen: „Tomasz hat den Kookaburra getroffen.“ Sein Vater, weißhaarig, aber bemüht, kumpelhaft zu wirken, hatte ihn abgeklatscht, als hätte er eine Heldentat vollbracht. Tomasz suchte die Augen seiner Mutter, die im Wagen sitzen geblieben war. Doch sie nahm die Sonnenbrille nicht ab. Als sie ausstieg, sah sie nicht mal zu ihm hin. Stumm öffnete sie die hintere Tür und setzte sich auf die Rückbank. Sein Vater zuckte die Achseln. „Nach Hause, Tomasz?“ Auf dem Beifahrersitz neben seinem Vater blickte er starr nach vorn durch die Windschutzscheibe und kämpfte darum, die Tränen zurückzuhalten. Er schaltete das Radio ein. Ein Kinderchor sang „Kookaburra sits in the old oak tree...“ und er hörte seine Mutter hinter sich mitsummen.

Please be kind
Please be kind

Tomasz fing die salzige Träne mit der Zunge auf, bevor sie auf Annies Schulter fallen konnte. „Falling in love“, er hatte das nicht für möglich gehalten, dass ein solcher Sog entstehen könnte, als ginge er unter. Er wollte das nicht. Es war unmöglich, das zu wollen: eine verheiratete Frau, die alt war und nicht außergewöhnlich schön, eine verdammte Mutter vor allem, die dauernd von ihren Söhnen sprach. Er hasste das. Aber genau das war ihm passiert. Er hatte gedacht, es sei eine sportliche Herausforderung, die er sich stellte: Verführe die Unnahbare, leg die Alte flach! Tatsächlich hatte er sich von Anfang an etwas vorgemacht. Das wusste er jetzt. Er hatte ihre Hände beobachtet, wie sie durch die Luft flatterten, wenn sie redete vor dem Kurs. Dass er so auf sie gesehen hatte, während er „Ich, Du, Er/Sie/Es“ von ihr lernen sollte, das hätte ihn warnen können. Wenn einer geil ist, schaut er einer Frau auf die Brüste oder die Beine. Wenn er sich verguckt, .... Man denkt, man schaut in die Augen. Aber sie war seinem Augenblick immer ausgewichen und er hatte nicht versucht, ihn zu fixieren. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen und obwohl sie nie nach ihm hin sah, war er sich sicher, dass sie sich für ihn bewegte, so. Sie hatten sich nicht angesehen, wochenlang, schien ihm, und dennoch hatte er da schon kaum an etwas anderes gedacht, als an sie.

The old way out
Is now the new way in

Sie war die Ältere, aber er war der Erfahrene. Sie wusste viel, aber er konnte sie beherrschen. War es ihm darum gegangen? Er hatte sich auch das eine ganze Weile eingeredet. In Wirklichkeit aber, so fühlte er, als er behutsam seinen Körper ganz eng an den ihren schmiegte, hatte sie die Gewalt über ihn gehabt und immer behalten. Er sehnte sich nach ihr, weil er sie nicht haben konnte, er war verrückt danach, sie den Verstand verlieren zu lassen, weil er wusste, dass sie sich am Ende wieder im Griff hatte, während er immer nur liegen bleiben wollte neben ihr. Wenn sie aufwachte, würde sie ihre Sachen zusammenpacken und gehen. Nach Hause. Verdammt.

I see that life
But it won´t begin.

Kommentare:

kontraproduktiv hat gesagt…

beim lesen fühlte ich in meinem bauch das messer und wie es noch mal und noch mal herumgedreht wurde, es war nicht einmal schmerzhaft nur heiß. eine hitze bis in die haarspitzen...

Melusine Barby hat gesagt…

Ist das als ein Kompliment für den Text und seine Wirkung zu verstehen? Oder eher als eine Kritik? Mir fällt es schwer ihn "von außen" zu lesen, so nahe steht er mir immer noch.

kontraproduktiv hat gesagt…

vll steht er mir auch zu nah, desswegen kan ich nicht objektiv sein. aber subjektiv hats mich sehr bewegt.