20101112

Rettungsversuch (And sometimes we don´t come through, sometimes we just get by...)

18. Oktober 2009 Neuglobsow am Stechlinsee 5.05 (Central European Time CST)

I don´t wanna let you out of my sight
Don´t wanna let you onto your flight.
The fortune teller might have been right
The bad old world can turn your hair white.

Wie weich sein Gesicht im Schlaf ist, der schmale Mund ganz entspannt, und die langen Wimpern liegen wie Strahlenkränze auf seinen Wangen. Er ist bald eingeschlafen, nachdem wir noch eine Weile in einander verschlungen gelegen hatten. Wochenlang hatten wir keinen Sex. Bert fragte nicht. Das lässt sein Barnhelmscher Stolz nicht zu. Glaubte ich. Es war schön sich zu lieben in dieser Vertrautheit, seine Hände, die mich nicht ertasten müssen, sondern wiedererkennen; wie unsere Körper sich  ineinander verschränken, wie wir uns lenken können, wir reagieren auf jede kleine Bewegung des anderen und gelangen gemeinsam ans Ziel. Immer ist es mit Bert schön, ohne Rohheit, voller Aufmerksamkeit und Wissen, aufnehmend und spendend kommen wir einander nah und näher. Ich bestaune das vertraute Gesicht im Morgenlicht, das schon durch die Läden dringt. Seine Haut hat die Arbeit im Freien mit tiefen Falten gefurcht in den Jahren. Sie stehen ihm gut, verstärken das immer noch Abenteuerliche, geradeso wie der krause, schon leicht ergraute Seemannsbart, den er sich in Chicago wachsen ließ, vielleicht als Versuch, gegen die glattrasierte Einheitlichkeit der Vorstadtamerikaner ein Zeichen zu setzen. Bert Barnhelm, er war eine Legende, als er sich in mich verliebte und ich mich in ihn vor fast 25 Jahren. Und ist nun bloß noch: mein Mann. War ich das, seine „neue Melusine“, die ihn in den Kasten zwang, den Giganten in einen Zwerg verwandelte? Wer von uns hielt die Schlüssel in der Hand? Hätten wir nur ohne einander aus dem Kasten entkommen können?

Während er schläft und sich sicher fühlt in meiner Nähe, liege ich wach und denke an den, der mich niemals barg. Ich liege wach und befriedigt neben dem Mann, den ich liebe, und träume von dem, den ich begehre. Mit ihm, mit Tomasz, war es immer Kampf, wir hetzten uns gegenseitig durch die Wüste, Dürstende, bebend vor Verlangen, zerrissen wir uns und riss es uns auseinander. Wenn wir uns aneinander rieben und ineinander vergruben, brachte uns das nicht näher. Es riss uns entzwei und vom anderen los. Und konnten an kein Ende gelangen. Wenn wir uns trennten, waren wir nicht im Frieden, sondern schon wieder angefüllt mit der Not, die uns zueinander trieb.

Noch während ich mich aus dem Schlaf räkelte gestern früh, hatte Bert das Boot auf den Anhänger gepackt und Frühstück für Daniel gemacht. Ich blieb einen Augenblick im Türrahmen zur Küche stehen. Da saß mit gebeugtem Kopf mein jüngster Sohn, der Leistungssportler, dessen kräftige Schultermuskulatur sich selbst unter dem T-Shirt deutlich abzeichnete. Im Sitzen noch wirkt dieser Junge voll unterdrückter Energie, ein ruhendes Raubtier, so ganz anders als Bert, auch als sein Bruder Carl. Diese vorgetäuschte Gelassenheit, die aufgesetzt gleichgültige Miene, ist pure Fassade. Der ganze Kerl vibriert vor Ehrgeiz. Was immer er anfängt, er macht es besser. Seit er mit dem Rudersport begonnen hat, beknieen uns seine Trainer, sein Talent zu fördern. Sein Chemielehrer rief uns an, wir sollten ihn zu einer Beteiligung an „Jugend forscht“ überreden. Meine Schwiegermutter drängte: „Lasst ihn testen. Der Junge ist hochbegabt.“ Bert und ich, einig in solchen Fragen, ignorierten das. Wir erleben, wer unser Sohn ist. Er ist klug, er ist warmherzig, er ist scheu. Er hat viele Talente. Er nutzt sie gut. Warum sollten wir sie messen lassen?

Die Regatta in Potsdam, zu der wir mit Daniel fuhren, war die letzte in diesem Jahr, nicht mehr bedeutsam eigentlich, doch Daniels Trainer wollte ihn dem Direktor des Sportinternats vorstellen. Bert und ich stehen dem mit gemischten Gefühlen gegenüber. Wir wollen den Talenten des Kindes nicht im Wege stehen, doch fürchten wir, ein sportlicher Schwerpunkt schränke Daniel ein. Er kann so viel anderes auch gut. „Einmal“, sagt Bert, „wird er sich entscheiden müssen.“ Das Dumme ist: Er will sich nicht entscheiden und wir nicht für ihn. Daniel braucht Zeit. Das talentierte Kind ruht sich aus, nicht auf seinen Lorbeeren, sondern um sich zu sammeln. Er liebt das Rudern, die Bewegung, er liebt es zu siegen und er gewinnt oft. Aber er liebt es auch, verträumt am See zu sitzen und zu warten. Er ist verschwiegen. Ich weiß meistens, was in Carl vorgeht. Bei Daniel ahne ich es bloß. Wenn ich ihn frage: „Willst du ins Sportinternat?“, zuckt er die Achseln. Keine Antwort, denke ich, ist auch eine Antwort. Aber vielleicht bin nur ich es, die ihn nicht hergeben will. Daniel, das Kind, das an mir hing, wie Carl es niemals tat.  Carl ist stark und kann seine Schwächen eingestehen. Daniel ist so begabt und glaubt doch immer, sich verstecken zu müssen. Normalerweise fuhr nur eins von uns mit zu den Regatten, doch spürten wir, Bert und ich, dass Daniel uns in Potsdam beide dabei haben wollte. 

Er gewann, natürlich, mit einer Bootslänge. Bert schrie über den See: „Barnhelm. Barnhelm.“ und „Bravo.“ Daniel sagt manchmal hinterher: „Das ist mir peinlich, Alter.“ Er boxt Bert gegen die Schulter, aber dabei grinst er so schief über ihn hinweg, dass man merkt: Er freut sich doch. Nach der Siegerehrung stellte uns der Trainer den Schulleiter des Internats vor. Ein Angebot. Die Chance für Daniel ins Jugendnationalteam zu kommen. „Ein hervorragender Einer, aber ich könnte ihn mir auch im Vierer vorstellen.“ Daniels Traum, ich weiß es. Aber seine Augen leuchten nicht. Oder will ich das bloß nicht sehen? Schon bald wirst du aus unserem Alltag verschwinden, Sohn. Dein Bruder ging ein Jahr, das zerriss mich fast. Es wären doch nur 110 km. Nur? Ich will mich mit dir streiten morgens im Bad. Ich will deinen Geruch im Haus, die schmutzige Wäsche, die im Zimmer auf dem Boden liegt. Ich will mit dir leben noch ein paar Jahre, Daniel. Bert legte seinen Arm um meine Schultern, zog mich an sich heran. „Wir werden das heute nicht entscheiden, das verstehen Sie doch?“ Natürlich verstand er das. Aber das Gelände wolle er Daniel zeigen, die Internatszimmer, ein paar Lehrer vorstellen. Ich nickte Daniel zu: „Kannst es dir ja mal anschauen“, sagte ich. Bert und ich gingen zum See hinunter und setzten uns auf eine Bank. Berts Arm lag auf der Rückenlehne der Bank. „Schön hier.“ „Ja.“ „Er muss nicht. Aber er kann.“ „Ja.“ Ich legte meinen Kopf ab. „Wir bleiben zurück.“ Bert senkte seinen Mund in mein Haar. „Ich liebe dich.“ Ich küsste ihn auf die Wange. Er weiß es, dachte ich. Er weiß es und er will warten.

Auf der Rückfahrt schwiegen wir. Bert und ich fragten nicht: Wie war es? Hat es dir gefallen? Kannst du dir vorstellen, dorthin zu gehen? Daniel erzählte nicht: Sie haben großartige Krafträume. Ich kann mir nicht vorstellen, das Zimmer mit jemand zu teilen. Die Lehrer sind ok. Ich möchte nicht von zu Hause weg. Er schwieg. Wir schwiegen. Es war ein gutes Schweigen. Wir brauchen Zeit, sagte es. Wir lassen uns Zeit. Wir lassen einander. Bert legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich strich ihm über den Handrücken.

I don´t wanna have to say goodbye
Don´t wanna wipe the tear from your eye
I took this chance to write a message
It´s just to say that I´ll miss you.

„Guck mal“, sagte Daniel, als wir nur noch wenige Kilometer vor Neuglobsow waren. „Ist das nicht die Stelle, wo zwei mit dem Motorrad gegen den Baum gerast sind?“ Tatsächlich hing noch ein loses Ende vom Absperrband an der Platane. Sonst nichts. Keine Verwandten werden in der Mark Kerzen für Karim aufstellen. Keiner wird am Straßenrand halten, aussteigen und Karims Foto in einer Plastikfolie an den Baum pinnen. Seine Asche flog über die Ozeane, zurück nach Down Under und mit ihr Tomasz, der an jenem Nachmittag auf dem Rücksitz der Maschine saß, auf dem Weg nach Neuglobsow am Stechlinsee. Searching for Annie. Meine Schuld war es, wolltest du das sagen, Tomasz? Alles deine Schuld, Annie, nur deinetwegen fuhr ich mit Karim an den Stechlinsee, nur deinetwegen, weil du mich dort nicht haben wolltest, weil du es warst, die sagte, dort, Tomasz, dort hast du nichts zu suchen, dort lebe ich mit meiner Familie, meine Söhne, Tomasz, meine Söhne. I don´t like to talk about your sons.

Ich drückte Berts Hand fester, strich mit dem Finger seinen Arm hinauf und wieder hinunter und schob seine Hand tiefer in meinen Schoß. Er fuhr mit dem Daumen über die Innenseite meines Schenkels. Rette mich. Als wir in Neuglobsow ankamen, war es schon dunkel. Carl hatte eine Suppe für uns warm gemacht, deren derber Geruch uns im Treppenhaus empfing. Im Halbdunkel drückte ich mich an Bert und rieb meinen Kopf an seiner Brust. Nach dem Essen zogen sich die Jungs in ihre Zimmer zurück. Bert ließ sich in seinen Sessel fallen. Seine linke Hand griff schon nach dem Buch, doch zögerlich. Er sah mich an. Und ich kletterte auf ihn, suchte seine Lippen. Mann. Mein Mann. Ein König ohne Thron. Das war nicht wie Ertrinken. Das war Rettung. Du bist so warm und gut und klug. Halt mich fest.

And sometimes we don´t come through
Sometimes we just get by
But I know with you
I´ve never seen the devils´s eye.

Später, nach dem ersten Mal, trug Bert mich die Treppe hoch. Noch einmal liebten wir uns, heftiger und bewusster. Du. Immer du. Durch die Läden dringt das Morgenlicht. Bert wird früh aufstehen wie jeden Morgen. Seine Nasenflügel zittern schon. Dann werde ich mich umdrehen und noch einmal schlafen.

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